Atomindustrie Ganz heiß

Eine US-Firma will überflüssige Plutonium-Brennstäbe abnehmen - und daraus Rohstoff für Atombomben gewinnen.

Ein Posten mit umgehängter Maschinenpistole versperrt Besuchern den Weg. "Glaubt mir", sagt der Mann im schwarzen Overall, "es ist nicht gut für euch, wenn ihr hier weiterfahrt."

Hier, im äußersten Nordwesten der USA, liegt die schlimmste Atomwüste der westlichen Hemisphäre: der Hanford-Komplex. Auf einem Gebiet von 1450 Quadratkilometer Größe haben die Vereinigten Staaten zwei Drittel ihres hochradioaktiven Abfalls angehäuft. Ein Teil lagert in stillgelegten Reaktoren, ein anderer in unterirdischen Tanks. Ein Großteil ist im Boden verscharrt oder versickert.

Schon bald könnte weiterer Strahlenstoff dazukommen, diesmal aus Deutschland. Seit rund einem Jahr führen Essener Atommanager Geheimverhandlungen mit einer amerikanischen Firma. Es geht um den Abtransport einer der schlimmsten Nuklear-Altlasten Deutschlands: der überflüssig gewordenen Plutonium-Brennstäbe für den Schnellen Brüter in Kalkar.

Die Firma Advanced Nuclear & Medical Systems (ANMS) mit Sitz in Richland im Bundesstaat Washington will der Essener Schnell-Brüter Kernkraftwerksgesellschaft (SBK) insgesamt 20S Brennelemente abnehmen, die über eine Tonne Plutonium enthalten. 35,8 Millionen Dollar (rund 57 Millionen Mark) soll die SBK, eine Tochter des Stromkonzerns RWE, dafür zahlen, auch für den Transport soll sie aufkommen.

Per Flugzeug oder Schiff wollen die Amerikaner den Bombenstoff, verpackt in Castor-Behälter, über den Atlantik schaffen und zunächst im Bundesstaat Tennessee zwischenlagern. Später wollen sie die Brennstäbe in einem noch stillgelegten Testreaktor inmitten der Hanford-Wüste verfeuern.

Hinter der ANMS steckt eine kleine Gruppe amerikanischer Geschäftemacher. "Unsere Mission ist der Kampf gegen Krebs", sagt Dick Thompson, 5l, Verhandlungsführer der erst vor einem Jahr gegründeten Firma mit kaum einem Dutzend Angestellten.

Mit dem Hanford-Testreaktor wollen die ANMS-Leute medizinische Isotope erzeugen. "Wir machen den gefährlichsten Stoff der Welt unschädlich", preist Thompson seinen Plan, "um Menschen im Kampf gegen eine tödliche Krankheit zu helfen." SBK-Chef Werner Koop geht jedenfalls fest davon aus, daß die Stäbe medizinisch genutzt werden: "Die wollen sogar ein Krankenhaus neben dem Reaktor bauen."

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit, wie interne Dokumente der ANMS zeigen: Um die Kosten des Reaktorbetriebs, immerhin 100 Millionen Dollar jährlich, zu finanzieren, will der ehemalige Air-Force-Offizier Thompson - zumindest vorläufig - ein lukrativeres Produkt erbrüten als harmlose Isotope: Tritium. Das ist der Stoff, mit dem die US-Waffenbauer die Explosionskraft ihrer Atombomben erhöhen.

"Unser erstes Produkt ist Tritium, das wir für das Energieministerium und das Verteidigungsministerium produzieren", heißt es im internen Business Plan der ANMS. Der Plan werde helfen, "auf billige und verläßliche Weise" den abnehmenden Tritium-Vorrat der Militärs wieder aufzufüllen.

Derzeit bemüht sich die Firma darum, den Reaktor, einen der modernsten Amerikas, dem amerikanischen Energieministerium abzukaufen. Im Gegenzug soll die US-Regierung garantieren, jährlich soviel Tritium abzunehmen, daß sich der Betrieb rentiert. "Eine vorübergehende Lösung, um den Reaktor für die Krebsforschung zu erhalten", verspricht Thompson.

Bereits in den nächsten Wochen, so hoffen die Manager von ANMS und der SBK, soll es zum Abschluß eines Vorvertrags kommen. Die Deutschen, so ein ANMS-Manager, seien "ganz heiß darauf, das Zeug endlich loszuwerden".

Die Eile der Strommanager ist erklärlich. Derzeit lagern 82 Brennelemente im schottischen Dounreay, die restlichen 123 sind in der ehemaligen Plutoniumfabrik Hanau untergebracht, die Siemens gehört. Doch in beiden Atomlagern ist auf Dauer kein Platz für den Nuklearstoff. Der Vertrag mit den Schotten läuft 1997 aus, Siemens will das Lager in Hanau so schnell wie möglich schließen.

Der verwegene Deal mit den Amerikanern soll Abhilfe schaffen. Daß ihr Partner Thompson bisher als Unternehmer wenig Erfolg hatte, stört sie offenbar wenig. "Wir unterstellen, daß alles in Ordnung ist", sagt SBK-Chef Koop. "Außerdem geben wir die Brennelemente erst dann heraus, wenn die Genehmigungen von allen Regierungen _ vorliegen."

Wann die erteilt sind, ist nicht absehbar. Umweltgruppen wie Greenpeace protestieren in den USA bereits gegen die Nutzung des Hanford-Reaktors zur Tritium-Produktion. Sollte es zu dem Geschäft kommen, wollen die Atomgegner entlang der gesamten Strecke den Nuklear-Transport stören. Ein Greenpeace-Aktivist: "Das wird wie bei den Castor-Protesten."

DER SPIEGEL Nr. 43/96